Auf dem Ergebnisbericht steht bei Arbeitsintensität eine 62. Ist das gut? Die Frage lässt sich nicht beantworten, solange die Zahl allein steht. Genau dafür gibt es den COPSOQ-Benchmark: Er stellt die eigenen Werte neben die von hunderttausenden anderen Beschäftigten. Das ist nützlich, wird aber auch regelmäßig überschätzt.
Verfasst von Dr. Amelie Wiedemann
Auf einen Blick
- Der COPSOQ-Benchmark ist ein Vergleich mit der Referenzdatenbank der Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaften (FFAW). Sie enthält die anonymisierten Angaben von über 800.000 Befragten aus mehr als 2.200 Befragungsprojekten.
- Verglichen wird gegen einen repräsentativ gewichteten Durchschnittswert für alle Berufsgruppen in Deutschland und zusätzlich gegen dieselbe Berufsgruppe.
- Feste Schwellen- oder Grenzwerte kennt der COPSOQ nicht. Das ist eine bewusste methodische Entscheidung, keine Lücke.
- Die Vergleichswerte sind Bestandteil der Befragungs- und Auswertungsleistung der FFAW. Es gibt sie nicht als Download und nicht als separates Produkt.
- Ein Benchmark ordnet ein. Er beurteilt nicht, priorisiert nicht und ersetzt keinen einzigen Schritt der Pflicht aus § 5 ArbSchG.
- Der Vergleich, der in der Praxis am meisten bewegt, ist meist der interne: Tätigkeitsbereiche gegeneinander und dieselbe Einheit über die Zeit.
Was ist der COPSOQ-Benchmark?
Der COPSOQ-Benchmark ist der Vergleich der eigenen Befragungsergebnisse mit den Referenzdaten des deutschen COPSOQ-Netzwerks. Die FFAW pflegt dazu eine Datenbank, in die die anonymisierten Angaben aus allen Befragungen einfließen, die über sie laufen. Nach eigenen Angaben umfasst sie inzwischen mehr als 800.000 Beschäftigte aus über 2.200 Projekten.
Der zentrale Vergleichswert ist nicht der rohe Datenbankdurchschnitt. Die FFAW gewichtet die Daten so, dass ein repräsentativer Durchschnittswert für alle Berufsgruppen in Deutschland entsteht, auf Basis der amtlichen Berufsklassifikation. Dazu kommt der Vergleich mit derselben Berufsgruppe, was in der Praxis oft aussagekräftiger ist: Pflegekräfte gegen Pflegekräfte, nicht Pflegekräfte gegen den Bundesdurchschnitt.
Wie der Fragebogen aufgebaut ist, dessen Skalen hier verglichen werden, erklärt der Beitrag zum COPSOQ Fragebogen.
Warum der COPSOQ keine Schwellenwerte kennt
Viele erwarten von einem Instrument eine Ampel mit festen Grenzwerten: Ab Wert X ist Handlungsbedarf. Der COPSOQ liefert das absichtlich nicht. In der Validierungsstudie zur deutschen Fassung steht es unmissverständlich: Die COPSOQ-Leitlinien legen sich auf keine Cut-off-Werte fest, so gut begründet diese auch wären. Skalenmittelwerte lassen sich nicht normativ interpretieren.
Die FFAW begründet das mit der Herkunft solcher Werte. Ein Schwellenwert müsste theoretisch gesetzt werden, und jede Setzung wäre angreifbar. Der empirische Vergleich dagegen beruht auf tatsächlichen Angaben aus tausenden Betrieben. Handlungsbedarf ergibt sich deshalb nicht direkt aus dem Ergebniswert, sondern aus dem Vergleich.
In der Darstellung wird daraus eine Farblogik: günstige Abweichung, unauffälliger Bereich, ungünstige Abweichung. Das ist ein empirisches Signal, kein Urteil. Die Beurteilung selbst bleibt bei dir und beim Gremium, das die Ergebnisse bewertet.
Wie du an die Vergleichswerte kommst
Hier liegt der Punkt, der in Anbieterauswahl und Angebotsvergleich am häufigsten übersehen wird. Der Fragebogen und die Referenzdaten sind zwei verschiedene Dinge.
Der COPSOQ-Fragebogen ist öffentlich verfügbar und über das internationale COPSOQ-Netzwerk unter einer Creative-Commons-Lizenz nutzbar, ohne Gebühr für den Fragebogen selbst. Die Referenzdatenbank dagegen ist Bestandteil der Befragungs- und Auswertungsleistung der FFAW. Sie wird nicht zum Download angeboten und nicht als separates Datenprodukt verkauft. Schon die BAuA-Toolbox hielt das in ihrem COPSOQ-Eintrag so fest: berufsgruppenspezifische Referenzwerte, verfügbar nur bei Anwendung in Kooperation mit der Freiburger Forschungsstelle.
Praktisch heißt das: Wer den externen Vergleich als zentrale Anforderung hat, führt die Befragung über die FFAW durch. Die FFAW veröffentlicht ihre Preise. Eine Online-Befragung kostet netto 1.200 Euro bis 50 Personen, 2.410 Euro bei 100 Personen, 3.620 Euro bei 200, 6.170 Euro bei 500 und 9.820 Euro bei 1.000 Personen (Preisliste gültig seit März 2024). Im Leistungsumfang sind Fragebogenaufbau, Zugänge, Auswertung und ein Ergebnisbericht mit externem und internem Vergleich enthalten.
Ein Detail dazu, das zur Transparenz gehört: Die eigenen Daten fließen anonymisiert in die Referenzdatenbank ein. Der Vergleich funktioniert, weil alle Teilnehmenden einspeisen.
Wichtig: Ein Anbieter, der den COPSOQ einsetzt, nutzt denselben validierten Fragebogen. Das heißt nicht automatisch, dass die FFAW-Referenzwerte im Ergebnisbericht stehen. Frag im Angebotsvergleich konkret nach, wogegen verglichen wird.
Was ein Benchmark leistet, und was nicht
Ein externer Vergleich kann vier Dinge gut:
- Er ordnet einen Wert ein, der allein nichts sagt.
- Er entschärft Diskussionen, in denen ein Ergebnis als übertrieben oder als Ausreißer abgetan wird.
- Er zeigt branchentypische Muster, die innerhalb des Betriebs unsichtbar bleiben, weil alle dasselbe erleben.
- Er liefert der Geschäftsführung eine Einordnung in einer Sprache, die dort funktioniert.
Vier Dinge kann er nicht:
- Er begründet keine Maßnahme. Aus einem Vergleichswert folgt kein Handlungsschritt.
- Er ersetzt keine Beurteilung. Die Bewertung der Ergebnisse ist ein eigener, gesetzlich verlangter Arbeitsschritt.
- Er entlastet nicht. Wer im Durchschnitt liegt, hat keine Gefährdung ausgeschlossen, sondern eine, die andere auch haben.
- Er erklärt keine Ursachen. Ein Wert unter dem Durchschnitt sagt nichts darüber, woran es liegt.
Und noch ein Punkt, der in Projekten oft zu spät auffällt: Die Pflicht aus § 5 ArbSchG verlangt keinen Benchmark. Sie verlangt, Gefährdungen zu ermitteln, sie zu beurteilen, Maßnahmen abzuleiten, sie umzusetzen, ihre Wirksamkeit zu prüfen und alles zu dokumentieren. Ein externer Vergleich ist bei der Beurteilung hilfreich. Er ist kein Prüfpunkt der Aufsicht.
Drei typische Fehlinterpretationen
„Wir liegen im Durchschnitt, also ist alles in Ordnung.”
Der Durchschnitt ist ein Ist-Wert, kein Zielwert. Wenn die Arbeitsintensität in der Pflege bundesweit hoch ist, dann ist ein durchschnittlicher Wert in deiner Klinik eben auch hoch. Nichts daran ist unbedenklich, es ist nur nicht auffällig.
„Ein Prozentpunkt Unterschied ist ein Ergebnis.”
Kleine Abweichungen vom Referenzwert liegen im Bereich normaler Streuung. Der COPSOQ arbeitet genau deshalb mit einem Bereich unauffälliger Abweichungen. Wer daraus Rangfolgen zwischen Abteilungen baut, überinterpretiert die Daten.
„Der Benchmark sagt uns, wo wir anfangen.”
Er sagt es nur zum Teil. Die Priorisierung von Maßnahmen hängt an mehr als der Abweichung: an der Größe der betroffenen Gruppe, an der Schwere der Folgen, am Aufwand und daran, was ohnehin gerade verändert wird. Eine Skala, die stark abweicht, aber vier Personen betrifft, kann hinter einer moderat abweichenden Skala zurückstehen, die zweihundert betrifft.
Der interne Vergleich, der meistens mehr bringt
In Projekten ist es fast immer der interne Vergleich, der Bewegung erzeugt. Zwei Formen davon:
Tätigkeitsbereiche gegeneinander. Wenn die Werte in einer Abteilung deutlich von denen der Nachbarabteilung abweichen, ist das ein starkes Signal, weil äußere Rahmenbedingungen, Branche und Tarif identisch sind. Übrig bleibt, was am Arbeitsplatz und an der Führung tatsächlich anders ist. Voraussetzung ist eine ausreichende Gruppengröße. Die FFAW trifft für Gruppen unter fünf Personen keine Aussagen, kleinere Einheiten werden zusammengefasst.
Dieselbe Einheit über die Zeit. Die zweite Runde nach ein bis zwei Jahren ist der einzige Vergleich, der etwas über die Wirksamkeit deiner Maßnahmen sagt. Das ist gleichzeitig der Schritt, den § 3 Abs. 1 ArbSchG als Wirksamkeitskontrolle verlangt. Kein externer Benchmark kann diese Frage beantworten.
Wie DearEmployee Ergebnisse einordnet
Auf der DearEmployee-Plattform lässt sich der COPSOQ als Instrument wählen, genauso wie der DearEmployee Survey. Zur Einordnung gehören dort drei Ebenen: der Vergleich der Tätigkeitsbereiche untereinander, der Verlauf über mehrere Befragungsrunden und die eigenen Vergleichswerte aus den Befragungen, die über die Plattform laufen.
Was dort nicht drin ist, sagen wir offen: Die FFAW-Referenzdatenbank ist an die Befragung durch die FFAW gebunden. Wenn der Vergleich mit genau diesen Referenzwerten für dich das entscheidende Kriterium ist, ist der Weg über die FFAW der direkte. Für alle anderen Fälle ist die Frage eher, was nach der Einordnung passiert. Denn dort, bei der Ableitung und Priorisierung von Maßnahmen und bei der Dokumentation, entsteht der Teil der Arbeit, den kein Benchmark abkürzt.
Welches Instrument in welcher Lage passt, klärt der Beitrag zu COPSOQ oder DearEmployee Survey.
Häufige Fragen (FAQ)
Wie groß ist die COPSOQ-Referenzdatenbank?
Die FFAW nennt über 800.000 Befragte aus mehr als 2.200 Befragungsprojekten. Die Datenbank wächst, weil die Daten jeder über die FFAW durchgeführten Befragung anonymisiert einfließen.
Gibt es beim COPSOQ Grenzwerte, ab denen Handlungsbedarf besteht?
Nein. Der COPSOQ arbeitet bewusst ohne Cut-off-Werte. Handlungsbedarf ergibt sich aus dem Vergleich mit Referenz- und internen Werten und aus der Beurteilung durch die Verantwortlichen im Betrieb, nicht aus einer Schwelle.
Kann ich die COPSOQ-Vergleichswerte kaufen oder herunterladen?
Nein. Sie sind Bestandteil der Befragungs- und Auswertungsleistung der FFAW und nicht als eigenständiges Produkt erhältlich.
Brauche ich für die Gefährdungsbeurteilung einen Benchmark?
Nein. Weder das Arbeitsschutzgesetz noch die GDA-Empfehlungen verlangen einen externen Vergleich. Verlangt sind Ermittlung, Beurteilung, Maßnahmen, Wirksamkeitskontrolle und Dokumentation.
Mit welcher Gruppengröße darf ich auswerten?
Eine gesetzliche Zahl gibt es nicht, die Anforderung folgt aus dem Anonymitätsschutz. Die FFAW trifft für Gruppen unter fünf Personen keine Aussagen. Der IAG-Report der DGUV nennt mindestens fünf Fragebögen als Richtzahl, einzelne Unfallversicherungsträger arbeiten mit sieben oder zehn.
Was ist mit einem Branchenvergleich?
Der Berufsgruppenvergleich der FFAW ist genau das, allerdings auf Basis der amtlichen Berufsklassifikation und nicht deiner Branchenlogik. Für kleine oder ungewöhnliche Berufsgruppen kann die Vergleichsbasis dünn werden. Frag im Zweifel nach, auf wie vielen Fällen der Vergleichswert beruht.
Nächster Schritt
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